[Elisabeth Fiedler]
Die erste Begegnung...

Es war ein schöner Nachmittag und meine Familie und ich frönten dem Müßiggang. Meine Mutter blickte über die Zeitung und fragte ganz erstaunt: „Hier steht, dass Freya Klier morgen zu euch in die Schule kommt. Stimmt das?“
„Ja, soviel ich weiß hält sie einen Vortrag. Wieso fragst du denn?“
„Ach, nur so. Weil es hier steht.“ – „Aaha.“
Am nächsten Tag ging ich voller Freude, schließlich hatten wir zugunsten des Vortrages keinen richtigen Unterricht, mit den anderen in unsere Aula. Nach einigen Minuten saßen alle mehr oder weniger angespannt auf ihren Plätzen und erwarteten Freya Klier. Als sie den Raum betrat, starrten sie wohl alle etwas komisch an. Sie hatte schwarze, krause Haare und einen verkniffenen Mund. Doch als sie uns begrüßte, umspielte diesen ein nettes Lächeln. Dann legte sie auch schon los und erzählte von ihrem Leben in der ehemaligen DDR. Es war der spannendste Vortrag, den ich je in der Schule zu hören bekommen habe. Gut gelaunt kam ich nach Hause, erwartete voller Anspannung meine Mutter und als sie endlich kam, sprudelte ich hervor: „Du, Freya Klier hat früher wirklich schreckliche Dinge erlebt. Sie wurde verfolgt und hat trotzdem für ihre Überzeugungen gekämpft. Überhaupt war es total spannend, wie sie erzählt hat.“
Nun fing meine Mutter, die bis dahin stillschweigend zugehört hatte, an zu erzählen:
„Weißt du, ich wollte erst mal abwarten, deshalb habe ich dir nicht erzählt, dass ich Freya Klier vor 16 oder 17 Jahren an der Schauspielschule kennenlernte. Sie war eine junge Regisseurin, also so um die Mitte dreißig, und sollte in unserem Studienjahr die Studioinszenierung übernehmen.“ Ich guckte sie mit großen Augen an und sie erklärte: „Das ist so eine Art praktische Abschlussarbeit für Schauspielstudenten.
Ich erinnere mich an eine kleine, zähe Frau mit verkniffenem Zug um den Mund, aber nicht ohne charismatische Ausstrahlung. Ja nun, sie versuchte, das Stück, das sie inszenieren sollte, durch die Montage mit improvisierten Szenen aus der DDR-Realität zu aktualisieren. Das war vielleicht politisch ambitioniert, aber künstlerisch einfach dilettantisch. Diese drei oder vier Wochen waren die einzige Zeit an der Schauspielschule, in der ich wirklich absolut nichts lernte. Beendet wurde der ganze Blödsinn durch ein Probenvorspiel, in dessen Ergebnis ein anderer Regisseur das Stück – ohne Mätzchen – zum Erfolg führte. Ich glaube nicht, dass irgend einer der damals Beteiligten für Frau Kliers spätere Dissidenten-Auftritte mehr als ein müdes Lächeln übrig hatte.“
Ich sah sie ein wenig perplex an; das hatte ich nicht erwartet. Doch mein Interesse war geweckt, denn ich stieß auf Fragen, wie: Wer ist Freya Klier? Was hat sie getan, dass sich die Meinungen über sie so drastisch unterscheiden? Und wie ist sie zu dem geworden, was sie letztendlich war, beziehungsweise ist?nach oben

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