[Ulrike Erdmann]
Die Verfolgung Freya Kliers in der DDR

„... Stasi hinter Rhabarberblättern“

Der Hass auf das diktatorische Herrschaftssystem in der DDR beginnt bei Freya Klier recht früh. Schon 1968 begeht sie einen Republikfluchtversuch, nachdem ihr Bruder wegen „schwerer Staatsverleumdung“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Sie will nur noch das Land verlassen. Durch Kontakt zu einer Theatergruppe in Schweden beschließt sie, dorthin zu fliehen. Dieser Versuch scheitert und Freya Klier wird zu 16 Monaten Haft verurteilt, jedoch frühzeitig entlassen.
Das Theater bietet ihr eine optimale Chance, sich in einzelnen Inszenierungen gegen die Regierung aufzulehnen und sie zu kritisieren. Während ihres Schauspielstudiums wird sie 1980 zur Mitbegründerin der autonomen Friedensbewegung.
Der Eingriff der Staatssicherheit in ihr Wirken ist anfangs noch harmlos. 1983 beendet die Stasi eine Fahrraddemonstration, an der auch Freya Klier teilnimmt, indem die Route mit Salzsäure besprüht wird und einige Verhaftungen vorgenommen werden. Der dafür angegebene Grund ist die „Störung der öffentlichen Ordnung“.

So gut wie alle folgenden regimekritischen Inszenierungen der Regisseurin fallen Kürzungen zum Opfer, so auch einige der hierfür komponierten Lieder ihres Mannes Stephan Krawczyk.
Aber auch diese Zwangsmaßnahmen sind zu Beginn noch verhältnismäßig harmlos. Es bleibt bei den Forderungen, die Stücke DDR-gerecht darzustellen.
Das stärkste Druckmittel der SED-Machthaber beruht auf psychischem Druck. So versucht man ab 1984 immer stärker, die Friedensbewegung zu schwächen. Die Ausreisewelle in Freya Kliers Freundeskreis nimmt rapide zu.
Dies ist ebenfalls eine beliebte Methode der Machthaber: Unbequeme Regimekritiker aus dem Land schaffen, indem man ihnen die Ausreise anbietet.
Freya Klier hingegen wird nach diesen Erfahrungen immer bewusster, dass sie dem Staat machtlos ausgeliefert ist. Die anschließende Verhängung der Berufsverbote bedeutet für Freya Klier und Stephan Krawczyk das existentielle Aus.
Mit eigenen kleinen Inszenierungen und Auftritten halten sie sich über Wasser, bieten jetzt aber gleichzeitig auch eine größere Angriffsfläche für die Stasi und deren gezielte Einschüchterungsversuche.
So werden Pastoren und Jugendmitarbeiter erpresst, man droht ihnen mit Ordnungsgeldern, Polizeiräumung und der Unterbrechung der Veranstaltungen, sollten sie die Künstler in ihren Häusern auftreten lassen.
Der psychische Druck auf Klier und Krawczyk wird zunehmend größer, die Stasi spielt mit ihnen.
1986, im „Jahr des Friedens“ erhält Freya Klier immer weniger Post, heimliche Wohnungsdurchsuchungen finden statt. Später werden auch Telefonate beliebig unterbrochen und abgehört. Schließlich nimmt man sogar den Tod der Künstler in Kauf, als in Stephan Krawczyks Auto eingebrochen und das Lenkrad manipuliert wird.
Die folgenden Angriffe beziehen sich nun fast ausschließlich auf ihn, er wird zum Staatsfeind aufgebaut.
Schließlich gelingt es der SED, das Ehepaar vollkommen aus dem staatlichen Kulturkreis herauszudrängen. Gelingt es den Künstlern dennoch, Auftritte zu organisieren, wird kurzerhand der Busverkehr in den betreffenden Ort eingestellt, womit die Veranstaltungen leerer werden.
Die Stasi gibt auch Falschauskünfte zur Abschreckung, z. B., dass Punks auf dem Weg zur Kirche seien.
Die Besucher der Konzerte werden ganz offen und auffällig bespitzelt. Außerdem wird den Künstlern nun auch für jede Veranstaltung eine Ordnungsgebühr auferlegt.
Die Staatsorgane erklären, dass die gemeinsamen Auftritte von Klier und Krawczyk „einer Kriegserklärung an den Staat“ gleichkommen.
Stephan Krawczyk wird grundlos der Führerschein entzogen, unter dem Vorwand, er sei zu schnell gefahren. Kurz darauf findet eine erneute Manipulation am Wagen statt. Freya Klier kann das Auto plötzlich nicht mehr lenken, wie sich später herausstellt, wurde das Lenkrad mit Nervengas präpariert.
Schließlich befinden sich die Künstler nur noch auf der Flucht vor der Stasi und finden keine Ruhe mehr. Städte werden komplett abgesperrt, um beide für die Zeit des Auftritts außer Kraft zu setzen. Freya Klier ist nervlich am Boden, hat Haarausfall und übergibt sich ständig.
Nach der Verhaftung ihres Mannes 1988 kommt es bei ihr zu einer weiteren Hausdurchsuchung und der Beschlagnahmung ihres Manuskripts. Ihre Beschattung und Verfolgung dauert an, ein Pieper, angebracht an ihr Auto, verhindert alle Fluchtversuche. Daraufhin erfolgt ihre Verhaftung. Zusammen mit Stephan Krawczyk wird sie der „landesverräterischen Beziehungen“ beschuldigt.
Im Gefängnis setzt sich der Psychodruck fort, Kliers Anträge auf Schreiberlaubnis und Einzelhaft werden abgelehnt. Zermürbt stellt das Ehepaar schließlich einen Ausreiseantrag wegen „politischer Hoffnungslosigkeit“, der prompt bewilligt wird. Dieser Antrag kommt jedoch nur unter der bewussten Zurückhaltung von Informationen und psychologischen Tricks der Stasi-Mitglieder zustande.
In Westdeutschland angekommen und mit der Erkenntnis, dass alles nur ein abgekartetes Spiel war, veröffentlichen Klier und Krawczyk sogleich eine Erklärung für ihre notgedrungene Ausreise und fordern eine sofortige Rückkehr in die DDR.

nach oben

Copyrights Erste Begegnung Die Geschichte Dasirken Die Verfolgung Die Akte Die Wende Die Meinung Rathenow und Plenzdorf Das Interview Das Team