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[Julia Schlotter Nora Zimmer Ulrike
Erdmann]
Am 09.12.2000 besuchten wir, Julia und Nora, Freya
in ihrer Berliner Wohnung - und bei Wiener Würstchen mit Brötchen
sowie Schokolade führten wir ein interessantes, 2-stündiges
Gespräch mit ihr. Damit auch Ihr/Sie an diesem Gespräch
teilhaben könnt/en, haben wir alles aufgeschrieben:
Nora: Sind Sie ein Mensch,
der lieber für sich allein ist, oder brauchen Sie bestimmte
Menschen um sich herum?
Freya Klier: Beides im Wechsel. Ich
bin ein Mensch, der gerne allein arbeitet, also da brauche ich eigentlich
Ruhe und gar niemanden um mich. Und ich bin auch kein Ehemensch.
Mit Stephan, da haben wir auch nicht zusammengewohnt, als wir verheiratet
waren. [...]. Insofern bin ich sehr gerne alleine, aber leider zu
wenig. Ich habe jetzt 50 Veranstaltungen gehabt im Herbst und da
kann ich keine Menschen mehr sehen. Aber ich bin auch gerne mit
Menschen zusammen, aber man muss auch wieder gehen können.
Nora: Aus dem Buch (Abreißkalender)
haben wir den Eindruck, dass sie schnell mit fremden Leuten ins
Gespräch kommen?
Freya Klier: Das stimmt. Das ist eine
Grundlage meiner Arbeit.
Nora: Das haben wir
jetzt auch gemerkt. Was für Filme, Musik und Bücher mögen
Sie?
Freya Klier: Ich mag sehr gerne differenzierte
Filme. Das heißt, die typisch amerikanischen mag ich nicht
so. Da weiß man immer genau, wann das große Geigenorchester
wieder ansetzt. Eigentlich [mag ich] ein bisschen mehr die [Filme],
die inhaltlich und künstlerisch Anspruch haben, z.B. Die
Bartholomäusnacht, solche mag ich. Ich mochte in der
DDR die russischen Filme [...]. Sie waren sehr poetisch, sehr menschlich,
[mit] sehr schönen Landschaften und archaischen Konflikten,
aber sehr subtile Konflikte. Bücher lese ich viel, aber ich
lese relativ wenig Romane, ich lese sehr viel Zeitgeschichte und
dann lese ich immer drum herum um das Thema. Jetzt mache ich ja
einen Film über Fluchtgeschichte, also les´ ich jetzt
um Fluchtgeschichten und die Situation herum, wie war die Atmosphäre
nach dem Mauerbau und solche Sachen. [...]. Musik höre ich
sehr viel! Ich arbeite am liebsten mit Musik und ich höre sehr
gerne keltische Musik, und auch sehr, sehr gerne klassische, sehr
gern geistliche Musik.
Nora: Sind Sie ein emotionaler
oder eher rationaler Typ?
Freya Klier: Ich bin alles beides.
Ich bin von außen hin ein sehr emotionaler Mensch, aber beim
Denken nicht. Beim Denken bin ich total cool. Sonst ginge das auch
nicht bei meinen Vorträgen. Also ich hab eher ein strategisches
Denken. Und da spielt Emotionalität überhaupt keine Rolle.
Das läuft teilweise völlig nebeneinander her. Ich denke
sehr nüchtern.
Nora: Liegt Ihnen die
Rolle des Kummerkastens?
Freya Klier: Das ist ein bisschen
so ein Problem. Wie ich finde, dass es meine Pflicht ist, auch für
Leute da zu sein, denen es schlecht geht, die nicht die Möglichkeit
haben, sich zu äußern. Also ich bin jetzt kein Psychologe,
aber ich höre ihnen zu. Das Problem ist, dass es so viele [Leute]
sind. Ich bin übrigends die einzige von allen, die ihre Telefonnummer
im Telefonbuch stehen hat, weil ich finde, dass man nicht nur bloß
irgendwie im Fernsehen oder in der Zeitung was sagen muss. Die Leute
sollen sich äußern und engagieren und da ist man eigentlich
gar nicht erreichbar, wenn sie was haben. Jetzt geht´s ein
bisschen, jetzt haben wir das Bürgerbüro und da kann ich
die Leute ein bisschen umleiten. [...]. Aber es sind sehr viele
alte Leute. Die muss ich ab und zu mal anrufen und da muss ich lange
zuhören. [...].
Nora: Bereuen Sie irgendwelche
Entscheidungen in Ihrem Leben?
Freya Klier: Ich glaube, ich bereue
keine. Ich habe mich mit meinen Ehemännern verstanden und bin
glücklich gewesen und ich bereue deshalb nichts , weil alles
eine Lebenserfahrung war, die mich eigentlich irgendwie bereichert
hat, würde ich im Nachhinein sagen.
Nora: Welche Eigenschaften
sind Ihnen an anderen wichtig? Was mögen Sie nicht an anderen
Menschen?
Freya Klier: Wichtig ist mir Ehrlichkeit
an anderen Menschen und Barmherzigkeit. Egoismus kann ich gar nicht
leiden. Materielles Streben auch nicht, was ja auch irgendwie zusammengehört.
Feigheit, wobei Feigheit relativ ist. Oft erlebe ich, dass irgendwo
Scheiß-Zustände sind, dass jemand Macht hat, z.B. der
Busfahrer, oder am Schalter und ich dann oftmals diejenige bin,
die was sagt und die Leute sich dann umgucken. Die nicken dir dann
so freundlich zu, dass sie das genauso sehen, aber es sagt einfach
kein anderer was. So was nervt mich. [...]. Ich bin einfach so erzogen.
Meine Eltern haben das einfach vorgelebt. Das hab ich gesehen, dass
sie immer, immer hilfsbereit waren gegenüber anderen Menschen,
die schwächer waren und nie was für sich abgezockt haben.
Nora: Welchen Stellenwert
haben Familie und Partner in Ihrem Leben?
Freya Klier: Großen! Wie gesagt,
Ehe hat für mich nicht so einen Stellenwert, aber Familie ist
absolut mein Hinterland. Gerade wenn man so politisch in Auseinandersetzungen
ist. Mein Umfeld muss absolut harmonisch sein, absolut! [...]. Auch
mit meine Männern muss ich lange nachdenken, um mich an den
Moment zu erinnern, wo wir uns gestritten haben. Und so ´ne
Kleinigkeit ist kein Streitpunkt. [...]. Ich muss auch mit meiner
Mutter, meinen Freunden irgendwie harmonisch sein. Das ist wie eine
Basis.
Nora: Wie beurteilen
Sie die jetzige Gesellschaft und wie sollte eine gute Gesellschaft
aussehen?
Freya Klier: Die jetzige Gesellschaft
ist im Umbruch. Es ist jetzt die Frage, ob ich den Osten rauslasse
oder mit hineinnehme, das sind ja zwei verschiedene Situationen.
Der Osten hat einen doppelten Prozess zu verkraften gehabt. Ich
sehe dadurch ein großes Problem im Osten, dass die kritische
Intelligenz ausgedünnt ist, über die vierzig Jahre. Das
ist wirklich ein Extremproblem. Der kritische Diskurs ist fast erloschen
und das ist für mich auch die Ursache des Rechtsradikalismus,
dass habe ich auch schon zu DDR-Zeiten geschrieben, der ist ja nicht
neu, auch deswegen, weil einfach nicht damit umgegangen wird. Wie
geht man mit Menschen um, dass man bestimmte Werte setzt? Das ist
ein großes Problem, was es erschwert und ansonsten haben die
Leute eine schwere Zeit hinter sich, eben durch diesen doppelten
Umbruch, also eine völlig neue Gesellschaftsordnung mit völlig
neuer Begrifflichkeit und Mechanismen und dann den [Umbruch], den
Gesamteuropa hatte, [...] als Globalisierung bezeichnet, wo ich
finde, dass es jetzt gerade wichtig ist, Werte zu setzen. Auch zur
Frage, wie ich mir eine Gesellschaft vorstelle, ich bin da kein
Utopist und alle Vokabeln sind für mich irgendwie verhängnisvoll,
z.B. Sozialismus, das gibt als Staatsform erst seit 1918 und in
dieser Zeit sind in ganz Osteuropa inklusive China und den Ländern,
die sich danach benannt haben [nach dem Sozialismus], fast 100 Millionen
Menschen ermordet worden. Das ist mehr als die ganze BRD zusammen.
Auf diese Begriffe bin ich allergisch, wenn sie ungeprüft einfach
weiterbenutzt werden, weil ich es verhängnisvoll finde den
Angehörigen gegenüber, die Menschen verloren haben. Ansonsten
glaube ich, dass ein stärkeres Bewusstsein im Umgang der Menschen
miteinander [nötig ist] und das fängt immer im Kleinen
an, immer. Ich habe Freunde, die in die Politik gegangen sind -
es ist interessanterweise immer die zweite Wahl in die Politik gegangen
-, die haben sich ein Pöstchen gesucht und verdienen viel Geld
und sind einfach nicht gut und kümmern sich auch nicht mehr
um die Menschen. Sie haben keinen Bezug mehr dazu, das finde ich,
[ist] eine schlimme Situation, das nimmt eher zu. [...]. Das geht
bis zu den Gewerkschaften, die kämpfen ja auch nur für
ihr eigenes Portmonaie und nicht für die Leute. An dieser Wertediskussion
beteilige ich mich auch wie gesagt in Schulen und öffentlichen
Veranstaltungen. Ich finde, sie muss absolut wiederbelebt werden,
[...], dass man sich wohl fühlt und man auch solidarisch ist.
Darauf, finde ich, kann man eine Gesellschaft aufbauen.
Nora: Wie beurteilen
Sie die derzeitige Filmindustrie?
Freya Klier: [...]. Ich habe mitgekriegt,
dass der europäische Film wieder ein bisschen an Wert gewinnt
und dass ist eine gute Tendenz, weil wir auf der anderen Seite immer
noch die Amerikanisierung haben. Das geht wieder ein bisschen zurück,
was ja heißt, dass die Leute es sich angucken müssen,
wenn ein französischer oder deutscher Film läuft. Das
finde ich gut. [...]. Die Anzahl der Dokumentarfilme müsste
wieder viel mehr zunehmen, finde ich. [...]. Mich interessieren
[...] authentische Filme.
Nora: Sie haben viel
an der DDR kritisiert. Gab es auch Vorurteile gegenüber der
BRD und des heutigen Staates?
Freya Klier: Tja! Das ist eine Frage,
die habe ich mir oft gestellt. Man sagt ja, dass die Menschen anders
miteinander umgegangen sind, es stimmt bloß nicht. Das ist
eine von diesen Lügen, wo viele Menschen aufschreien. Das ist
verklärte Vergangenheit [...]. Ich finde, es zeigt sich eine
Gesellschaft im Umgang mit den Schwächeren., mit den Behinderten,
mit anderen Hautfarben, mit Ausreiseleuten und da habe ich die schlimmsten
Sachen erlebt. [...]. Es gab auf jeden Fall engagierte Leute in
der DDR, auch anständige. [...]. Es gab im Osten [aber] den
Vorteil, ich sehe das als einen Vorteil, dass wir alle uns eigentlich
kannten. Das [DDR-System] ist ein System, wo du dich kennenlernst,
wo du am Ende genau siehst: Wie hast du da reagiert, wo hast du
dein Pfötchen gehoben und so. Hier kannst du immer ausweichen,
wenn dir etwas nicht passt. Du kannst die Stadt wechseln - gut,
das konntest du auch in der DDR, aber da war das System ja trotzdem
da, du konntest ja nicht sagen: Hier darf ich nicht studieren,
ich gehe dann eben woanders hin. Es war also ein totalitäres
System. Was ich positiv finde, [sind] einzelne Menschen, anständige
Leute, die ich kennengelernt habe. Das, was ich positiv fand, ist
eigentlich aus dem Negativen entstanden, z.B., dass es keinen offenen
Buchmarkt gab. Das ist eigentlich negativ, wenn du dann aber ein
Buch gekriegt hast, was du haben wolltest, hast du es gründlich
gelesen. Das ist eine Gegenentwicklung, die ich gut fand, man hat
auch zusammengesessen und miteinander geredet, man hat stärker
gesellschaftlich gedacht.
Julia: Es war ja allgemein
so, dass man auf materielle Sachen mehr achtete, dass man z.B. auch
zu Weihnachten nicht alles bekommen hat.
Freya Klier: Ja, aber das hat mich
komischerweise auch nicht interessiert. Nicht, dass ich es verachtete,
aber ich habe z.B., wenn jemand aus dem Westen kam [es abgelehnt],
mir etwas mitbringen zu lassen, weil ich das als demütigend
empfunden habe. [...]. Ich habe mich da nicht gleichwertig gefühlt.
Ich verdamme das auch nicht, aber für mich hat das komischerweise
nie eine Rolle gespielt.
Julia: Meine Mutter
erzählte neulich, dass es damals immer schön war, wenn
man mal etwas bekommen hat, etwas Seltenes. Da hat man sich gefreut.
Heute kriegt man alles und die Leute haben keine Wünsche mehr...
Freya Klier: Da hat sie Recht. Das
ist z.B. auch so eine Diskussion, die wir führen. [...]. Ich
habe einen Aufsatz geschrieben, Vom Mangel und vom Zuviel,
worin es genau darum geht, also dass man ein Bewusstsein dafür
entwickeln muss, dass man immer oberflächlicher wird, je mehr
da ist, dass [Mehr] nicht unbedingt ein Zuwachs ist.
Aber wie gehst du damit um? [...]. Man muss aus sich heraus das
Bewusstsein haben, was damit eigentlich passiert, dass nicht [gilt]:
je schriller und je bunter, desto besser. Das rauszufinden ist nicht
einfach. Man braucht heute einen Kompass, den kriegt man vielleicht
auch durch Freunde oder Leute, denen man vertraut. [...]. Das herauszufinden,
das dir wirklich etwas bringt, ist nicht einfach.
Nora: Man hört
aber von der DDR auch oft, dass dort das Betriebsklima besser war.
Freya Klier: Das ist unterschiedlich,
[...]. Es war so, man konnte Glück haben und Vorgesetzte, die
ok waren oder nicht. Wenn sich das politisch auswirkte, war es furchtbar.
Unterhalb der politischen Ebene war es [das Betriebsklima] gemütlicher.
Die Brigaden haben dagesessen und sich unterhalten. Heute haben
wir eher eine offene Gesellschaft mit Marktwirtschaft, da ist mehr
Druck da, das ist keineswegs angenehm. Nur der Unterschied ist,
dass man heute eigentlich Einfluss nehmen kann auf das Betriebsklima,
durch couragierte Leute. Ich sage mal, dass die Zeiten der alten
Ausbeutergeschichten vorbei sind. Ich wünsche mir mehr Druck
von unten. Die Manager, die ich kenne, sind überhaupt nicht
interessiert daran, Leute zu drücken. Sie sind daran interessiert,
sie freizusetzen, damit sie ihre Arbeitskraft [nutzen können],
da ist mehr Spielraum da. Was mir an der Gesellschaft gefällt,
ist, dass sie offen ist, dass Demokratie etwas ist, was uns alle
braucht, und dass wir nicht bestraft werden, wenn wir uns engagieren.
Worunter ich leide ist, [...], dass auch so eine Atomisierung da
ist
[...]
Freya Klier: Ja, die sechziger Jahre,
die waren, also die Menschen waren einfach verängstigt-es war
ein totaler Druck da. Die, die so auf der Parteilinie waren, die
waren immer ganz gut zurande gekommen, die anderen haben Schiß
gehabt! In den 70er Jahren, als dann so die Frauengesetze griffen,
also, dass Frauen sechs Wochen zu Hause bleiben konnten in der Schwangerschaft,
wurde es ein bißchen ruhiger. Ab den 70er Jahren, sag ich
mal, fängt eine Zeit an, wo es ein bißchen gemütlicher
ist wenn´s unterhalb der politischen Ebene ist. Auf jeden
Fall, was ich positiv fand, was die Betriebsarbeit anlangt, das
ist, dass man´s im einzelnen mehr für die Leute gemacht
hat, also dass jemand der verabschiedet wurde irgendwie von der
Betriebsgewerk- schaftsleitung (lachen), wenn sie Glück hatten,
eben nicht durchgehend, irgendwie hat er einen Blumenstrauß
gekriegt oder sonstwas, also sowas, das war positiv. Was nicht durchgehend
war, aber es hängt ja immer von den Leuten ab, aber da wurde
mehr Wert drauf gelegt.
So, Unterricht in der Produktion fand ich auch immer gut - bin ich
ein Vertreter davon, weil das so ´ne alte Renaissance-Idee
ist, die der Marx mal aufgenommen hat, dass praktisch in der Gesellschaft
die Trennung von Hand-und Kopfarbeit aufgehoben wird. Wir haben
das heute. Die sogenannte Arbeiterklasse ist gleich ausgestorben
und wir sind ja alle viel mobiler. Die junge Generation, die ich
da kenne, die machen mal das ein Jahr, dann machen sie gleich mal
wieder was anderes und das ist absolut okay, also du kannst viel
mehr Möglichkeiten von dir ausschöpfen. Ist aber kein
Ost/West -Problem in dem Sinn; ist auch ein Zeitproblem.
Julia: Und im Bezug
auf die Gewalt, z.B. unter Jugendlichen? Finden Sie das die gleich
war bloß in der DDR unterdrückt wurde?
Freya Klier: Total! Da bin ich gegen
jegliche Verklärung! Deshalb kucke ich gerade im Partei- Archiv,
in dem ich gerade arbeite, das war ja nie veröffentlicht war:
die Selbstmordrate zum Beispiel. Die war so hoch unter Jugendlichen
in der DRR und du blätterst immer die Seiten durch -ich sag
mal in meiner Klasse alleine drei. Und es ist oftmals eine Mischung
zwischen privatem Kummer oder Druck, den die Eltern oder Lehrer
ausüben also so ´ne Mischung aus Privatem und Politischem
und das Schlimme ist eigentlich, das man nie offen damit umgegangen
ist. Womit ihr heute aufwachst, mit der Lehrerin, die auch klasse
ist, offene Diskussionen zu führen -das gab es nicht. Und da
ist man bedrückt, in dem Alter, wo Ehrlichkeit besonders wichtig
ist, ne? Man mußte immer lügen, man mußte irgendwas
beschreiben, was gar nicht stimmt und ein FDJ-Hemd tragen, obwohl
man gar nicht wollte und das wurde nach innen gezogen. Und wer aus
der Reihe tanzte, der hat den Staat zu spüren gekriegt und
der war viehisch. Also, wer irgendwie mit dem Staatsorgan, ob Jugendwerkhof
oder Knast, in Berührung kam, das war wirklich finster und
da sind die Menschen auch zerbrochen worden. Das ist ein altes Problem,
was es auch in anderen Diktaturen gibt: wer sich angepaßt
hat und alles mitgemacht hat, der hatte keinen Ärger. Also
es kommt solchen Naturen, die es ja auch gibt, die selber nicht
entscheiden wollen, den kommt es entgegen, auf der Mehrheitsseite
zu sein, immer gesagt zu kriegen, wo es langgeht, aber wer ein bißchen
selbständig denken wollte...
Julia: Also, ist es
so, dass man denkt: es wird immer schlimmer mit der Gewalt, aber
das hängt mehr mit der Öffentlichkeitsfreiheit zusammen,
weil man mehr mitkriegt, was passiert!
Freya Klier: Naja, die Gewalt...
Julia: Der Frust unter
Jugendlichen und anderen Leuten...
Freya Klier: Ja, doch. Also ich finde,
ja auch unter anderen Leuten, wenn ich das jetzt mal ins Verhältnis
setze: In der DDR war es so: es gab keine Obdachlosen. Obdachlose
kamen ins Gefängnis. Das muß man einfach wissen, das
ist noch ein Zahn schärfer. Das heißt, da saß ja
nie jemand, sondern man kriegte einen Arbeitsplatz zugewiesen und
wenn x dann nicht antrat dann kam der Bewährungsleiter oder
was weiß ich wer und fuhren die Leute ein in Karren.
Julia: So das es öffentlich
schön aussieht...
Freya Klier: Ganz genau! Und das begründe
ich ja immer in meinen Vorträgen und deswegen hat die PDS eine
Scheiß-Angst vor mir. Also Gysi hab ich neulich erst wieder
total in die Knie gezwungen, weil ich einfach die Argumente habe...
die bauen ja ´ne andere Realität auf.
Für mich ist das eine rechtsradikale Gesellschaft gewesen.
Was ist mit Vietnamesen gewesen? Wie sind denn die umgegangen?!
Die Frauen haben unter Abtreibungszwang gestanden. Man muß
sich das mal vorstellen! Jetzt haben wir eine offene Gesellschaft
und für mich ist es so, dass der Rassimus der im Osten ausbricht,
ist für mich eine Folge, schon seit ´45, des Denkens,
oder sagen wir mal, der Laxheit im Umgang mit Problemen. Oder was
ich gerade auch noch herausgefunden habe, für mein anderes
Buch, es sind fast alle Juden abgehauen in der DDR, also das sind
die Maßstäbe, nicht was jemand sagt. Ignaz Bubis ist
ja auch aus der DDR. Es waren am Ende noch 400 Juden und von denen
wußte man gar nichts. Das heißt, in der Diktatur kannst
du alles totschweigen, es schreibt nie eine Zeitung drüber,
du erfährst es nicht! Die Staatsorgane haben die Leute nicht
zur Kriminalität aufgefordert, im Gegenteil: die wollten Ruhe
haben, dass es funktioniert, dass gearbeitet wird usw. So, aber
da ist dieser Geist aus dem Dritten Reich, wo das ja auch war, mit
weitaus schlimmeren Folgen, der ist einfach weitergelaufen und unsere
Eltern und Großeltern haben sich eigentlich nie mit sich befasst.
Deswegen solche Sätze: "Dich haben sie vergessen zu vergasen"
da habe ich mich aufgeregt in der DDR, da war ich die einzige! Ich
sagte: "Wissen sie eigentlich, was sie da sagen?!" Der
sagte:" Ist doch scheißegal, ich meinte doch was ganz
anderes" So, das lief immer so mit oder "der Neger da".
Wenn ich mir die Schallplattenhüllen von Jazzmusik ankucke,
"dass ist die richtig schöne Neger- musik der Sechziger"
(lachen) Also, Ausländer -dieser Umgang. Das ist eben einfach
eine viel verlogenere Gesellschaft gewesen. Und nun brichts raus.
Die Leute sind´s nicht gewöhnt umzugehen mit Fremden,
sie fühlen sich bedroht und ich sage, die Jugendlichen sind
die Erziehungsprodukte der Eltern. Und all das, was nicht stattge-
funden hat bisher, rächt sich jetzt: diese fehlenden Diskurse,
diese Wertdiskussionen. Jugendliche sind ja auch mal klein, da muß
das losgehen. Diese Leute gibt´s, aber es sind einfach zu
wenig, deswegen ist das so drastisch. Mir haben in Cottbus neulich
mal Jugendliche gesagt: "Wissen sie, man wird ja auch gar nicht
wahrgenommen. Wenn man jemanden zusammenschlägt, die Rechtsradikalen,
die werden wahrgenommen, da fragt man "vielleicht brauchen
die einen Jugendclub?" oder sowas. Der Umgang mit dem Thema
muß auf allen Schichten laufen und das ist keine Frage des
Geldes. Ich habe auch manchmal mit Rechtsradikalen zu tun. Politisch
muß man da total klar sein! Es gibt einfach einen Punkt, das
ist das menschliche Leben, die Würde des Menschen, die ist
unantastbar, Verfassung Artikel 1. Entweder das verlangen sie für
sich und für andere hat das auch zu gelten. Und wenn die sagen
"wir haben ja hier nichts zu tun..." dann würde ich
sagen: "Okay, laßt uns hinsetzen, wie kann man einen
Jugendclub konzipieren? Wer baut mit?" -Bauen, selber machen,
nicht, dass die immer dieses "irgendwas setzt man uns vor",
das ist ein Grundfehler. Sie müssen sich das aneignen durch
Arbeit.
Julia: Dann ehren sie
es auch und wollen es nicht kaputt schlagen.
Freya Klier: Richtig. Das war übrigens
schon bei Makkarenko so, 1920 (lachen). Solche Modelle sind nicht
gleich "Wie kriegen wir Ruhe ins Land?"oder "Was
sagt das Ausland dazu?". So, und wenn`s in der Berufsschule
sind, das hab ich in Neuruppin erlebt, in ´ner Berufsschule
mit 60 Schülern und da hab ich meinen Rassismus-Aufsatz gelesen,
den hab ich ja ´89 schon geschrieben, aber noch mal aktualisiert.
So, da sagt jemand:" Ja, wir sind ja überfremdet!"
und dann sag ich: "Okay, alle die hier in Deutschland nicht
geboren sind, die heben jetzt die Hand- null Hand bei 60 Schülern.
Und dann sag ich: "Ihr seid aber nicht überfremdet, im
Gegenteil." "Ne, wir nicht, aber überhaupt."
Also immer solche Sätze dann, wo ich sage, dass ist der Diskurs,
den ich meine. Der muß über die Zeitungen stattfinden,
in den Elternhäusern, in den Schulen und zwar zusammen -die
Lehrer alleine können das auch nicht stemmen. Das ist ein Problem,
sagen wir mal, beides: der ganze Vorlauf aus DDR-Zeiten und das
was jetzt noch dazukommt, die Unsicherheit und dann sucht man sich
irgend jemand schwaches...das ist dann wurscht, ob das einer mit
einer anderen Hautfarbe ist, oder ein Obdachloser. Diese wirklich
rohe Gewalt, das ist schon beängstigend...
Julia: Ganz anderes
Thema: Eine Lücke gab es beim Nachrecherchieren über ihre
Kindheit.
Freya Klier: (nachdenklich) In meiner
Kindheit war es so, dass ich Spaß hatte an der Schule, meine
Eltern gearbeitet haben, beide, voll, und ich dadurch Hortkind war
mit meinem Bruder und das hatte Vor- und Nachteile, je nach Altersstufe.
Wenn man kleiner ist will man nach Hause gehen, wir wollten nicht
den Schulspeisungsfraß fressen und gleich gar nicht in den
Hort, aber das ändert sich dann wenn man jugendlich ist und
seinen Freiraum haben will und da ist die Mutter nicht da, das ist
dann eher klasse. Ich kann nicht meckern über meine Schulzeit.
Julia: Damals waren
sie zufrieden mit allem?
Freya Klier: Ja. Und wenn ich mir
jetzt Filmauszüge ankucke, von meinen Filmen, ich hab jetzt
in Archiven immer gesichtet, und dann seh ich so die Sportfeste
Anfang der 60er Jahre und dann sehe ich manche hatten die gleichen
Gymnastikanzüge an, die wir alle hatten mit so ´nem weißem
Gummi. Das hat auch was Nettes, ich hab das keineswegs als bedrückend
empfunden. Es spielt vielleicht auch ´ne Rolle, wie man vom
Naturell her ist... weil ich bin auch gern immer mit Kindern zusammen
gewesen mir hat das auch nichts ausgemacht, Ferienlager oder Appell
oder sowas, es war zwar nervig, aber es hat nun nicht irgendwie
meine Seele verletzt. Ich war in der jungen Gemeinde, natürlich,
da war´s irgendwie inhaltsträchtiger. Also, da konnte
man über Dinge sprechen, über die es sonst verboten war,
zu sprechen. Deswegen war ich dort gerne, aber ich habe mich auch
mit meinen Klassenkameraden gut verstanden. Und dann habe ich erst
Sport gemacht und dann habe ich mich für Theater interessiert.
Ich sag mal, man hat so ein paar Erlebnisse, wo so furchtbar gelogen
wurde, die hat man schon als Jugendlicher, so ein Empfinden dafür.
Wir hatten Lehrer gehabt, wie heute auch, es gibt ja immer solche
und solche.
Dann war Abi, dann war ich immer noch verliebt nebenbei, dass hat
mich auch viel Zeit gekostet, sich den zu angeln, auf den man´s
abgesehen hatte (lachen)
Julia: Das übliche
Problem... (lachen)
Freya Klier: Das übliche Problem,
egal welche Generation. Dass sind alles wiederholbare Sachen. Das
hab ich nicht, ich kann jetzt nur von mir sagen, nicht als bedrückende
Zeit empfunden. Ich bin ja nur, durch die Geschichte mit meinem
Bruder... und dann kriegst du wirklich die Kehrseite mit. Die eben
auch da war, die man aber sonst nicht mitkriegen mußte. Das
ist aber auch bei Diktaturen und im Dritten Reich ohne das wirklich
gleichsetzen zu wollen, aber der Vorgang ist auch so dass mir die
meisten Leute, DIE MEISTEN LEUTE, mit denen ich spreche, auch wenn
die keine Nazis waren, die sagen, man hat das eigentlich gar nicht
so mitgekriegt. Auch die Juden die verfolgt waren, in Berlin waren
es bis 36/37 gar keine Probleme. Und da ging´s richtig scharf
zur Sache, dann kehrte sich das um, auf einmal -obwohl alles ja
schon da war. Es wurden Menschen verhaftet, die SA hat schon die
Leute zusammengedroschen, also, dass mußte ich erstmal rauskriegen,
dass hatten wir auch nie in der Schule gelernt. Wir haben einen
völlig verlogenen Geschichtsunterricht gehabt. Aber das man
das im Alltag in der Diktatur gar nicht so mitkriegen muß,
wenn man nicht durch Zufall oder aus familiären Gründen
irgendwie reinkommt. Mit meinem Bruder das war dann der Knackpunkt.
Außerdem wollte ich in die Sowjetunion fahren (<nach dem
Abi>) und das durfte ich nicht-solche Sachen dann. Wir haben
ja Russisch gelernt. Da habe ich gesagt zu meiner Freundin: Du
nach dem Abi bewerben wir uns, wir fahren ein Jahr durch Russland,
wir arbeiten dort mit den Leuten, dann machen wir Tagebuch: Wie
leben die Jugendlichen in der Sowjetunion? Wir sind auf die Kreisleitung
der FDJ gestellt worden und sind dort so zusammengeschissen worden,
da saß so ein fettes Blauhemd, der hat gesagt: Ihr seit
zu faul zum arbeiten! WIR suchen raus, wer in die Sowjetunion fahren
kann und ihr gehört nicht dazu, ihr seid nicht vorbildlich
genug! Viele solche Erlebnisse und dann hast Du schon die
Schnauze voll. Auch unterhalb der Ebene von meinem Bruder, dass
war ja jetzt auch nicht für alle Leute gleich. Aber sowas haben
wir eigentlich alle erlebt. Und das war unterschiedlich.. an den
Ecken wo man war. An Technischen Universitäten war es nicht
so heftig wie an anderen, zum Beispiel.
Nora: Gut, fertig, vielen
Dank.
Julia: Was war nochmal
genau mit ihrem Bruder?
Freya Klier: Der hat Beatles Texte
getauscht mit seinen Freunden. Habe ich das nicht mal erzählt
an der Schule?
Nora: Ja, aber da war
Julia nicht dabei.
Freya Klier: Der hat Beatles Texte getauscht und Stones Texte und
das ist eben die scharfe Zeit gewesen, dass war ´ne total
brutale Zeit, wo ständig der ABV, also Abschnittsbevollmächtigte,
durch die Straßen lief und immer kuckte. Was ich auch gerade
wieder im Archiv finde: das FDJ-Trupps bei den Leuten klingeln,
wenn die Antenne in ´ne andere Richtung ist und sagen Sie
werden gemeldet bei der Staatssicherheit, wenn Sie nicht sofort
ihre Antenne rumdrehen, damals hatten ja noch nicht soviele Fernsehen.
Und die haben an der Ecke gestanden, geraucht und die Beatles und
Stones Texte getauscht und dann kam der ABV rum und der hat dann
gesagt: Gebt das her! und dann wurdest du bestraft dafür,
dass war ein Grund, dass du von der Oberschule geflogen bist, der
Besitz solcher Texte. Und dann haben sie das nicht herausgegeben,
weil sie wußten, dass das nun nicht gerade Freude gefangen
hat und dann hat der sich nicht ernst genommen gefühlt, hat
das Überfallkommando der Polizei herbeigefunkt und dann kam
ein Lastwagen und dann sind die zusammengeschlagen worden, den der
Arm ausgekugelt worden, sind abtransportiert worden und haben noch
geschrien: Ihr Schweine! und Nazi-Schweine!,
dass gab gleich noch ´nen Paragraphen dazu und haben richtig
hohe Haftstrafen gekriegt 4-11 Jahre. Viele Jungs aus meiner Generation
erinnern sich an solche Geschichten, nicht sie selber, aber so aus
der Klasse. Die haben versucht, die rebellischen Jugendlichen der
Zeit, die raus wollten, man muß dazu sagen, diese Diktatur
wollte keiner, die ganzen 50er Jahre haben die Leute gesagt Wie
kriegen wir das hier wieder weg? Wir haben ja schon eine Diktatur
gehabt dies Jahrzehnt ist ganz unruhig auch, so die Militarisierung
wird ganz stark verschärft in den 60er Jahren, auf der anderen
Seite versuchen sie sozialistische Tanzmusik zu komponieren, kriegen
die Musiker den Auftrag (lachen)... als könnte man sozialistische
Musik komponieren! Den Tanz, den Lippsy eben, den kennen aus meiner
Generation alle noch.
[...]
Freya Klier: Also das
man insgesamt mit Material sparsamer umgegangen ist. Also, das war
nicht so ´ne Wegwerf-Gesellschaft, dass konnte man sich gar
nicht leisten und das find ich auch besser. Wir am Theater, wenn
wir Gestänge hatten oder irgendwas, das hast du alles umgebaut
für die nächste Inszenierung. So und heute ist das, na
gut jetzt geht´s ja auch langsam rückwärts und da
sag ich mal, konnte der DDR-Bürger irgendwas einbringen, also
auch das Improvisieren-können, weil es fehlte und die Leute
mussten sich irgendwas einfallen lassen.
Die Leute waren genauso fleißig, also das ist gar nicht der
Punkt. Die waren auch engagiert, aber, was das Problem ist: Kreativität
ist bestraft worden. Und das hat dazu geführt, dass die Leute
irgendwann die Lust verloren haben. Weil sie sich sagen: Es
bringt sowieso nichts, hast vielleicht sogar noch Ärger dabei.
Ich war ja nun in dieser Umweltbewegung, ne? Und erinnere mich in
dem Hinterhof, wo ich wohnte, Prenzlauer Berg, Oderberger Str.,
ich hatte einen Freund, der hatte eine Gärtnerei in Mecklenburg
und da hab ich Knöterich geholt und hab zur Freude, zur Freude,
der Hausbewohner angefangen, im Innenhof zu begrünen. Und irgendwie
kriegte das die Partei mit dann kam (lachen) der ABV von der Ecke
mit noch ´nem Genossen mit der Heckenschere, dann haben die
die ganzen Dinge abgeschnitten und dann kriegte ich ´ne Strafanzeige
wegen Beschädigung der Gebäude. Und 2, 3 Jahre später
war plötzlich beschlossen, von der Partei vorgegeben, ich hör
noch unsere Städte und Gemeinden, da wurden Bäumchen ausgegeben
und so weiter, dass ist das was ich meine. (....)
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