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[Christina Buck]
Freya Kliers Wirken in der DDR
Freya Klier fungierte in der DDR mit zahlreichen kritischen
Theaterinszenierungen, Aufsätzen und gesellschaftlichen Studien
als eine der regimekritischsten, bockigsten und rebellischsten
Künstlerinnen.
Seit 1978 Studentin am Institut für
Schauspielregie in Berlin, plant Freya Klier 1981
eine Friedensveranstaltung mit der Aufführung einer
Revue, hauptsächlich mit Beiträgen aus der Zeit des Ersten
Weltkrieges. Dieses Vorhaben wird jedoch von der Institutsleitung
abgelehnt: ...es fehle das sozialistische Gegenwartsschaffen.
Trotz dieses Verbotes und einer drohenden Exmatrikulation führt
Freya Klier das Fest im Juli 1981 durch, denn eines steht für
sie fest: ...wie will ich je meine Arbeit machen, wenn ich
schon so früh kneife?
Letztendlich wird sie nicht exmatrikuliert, aber ein beispielloses
Engagement im kulturellen und gesellschaftlichen Leben der DDR sollte
nun folgen: Sie engagiert sich in Friedensseminaren, immer in der
Hoffnung auf gesellschaftliche Umwälzungen.
Im Mai 1982 inszeniert sie als Regisseurin
in Halle die Frontrevue. Nach einer erfolgreichen Premiere
verlangt die Theaterleitung eine Umänderung des Stückes.
Von deutlich pazifistischen Tendenzen und verwischtem Klassenstandpunkt
sowie von einer Zersetzung der Wehrbereitschaft ist
die Rede.
Freya Klier weigert sich, das Stück umzuinszenieren und wird
entlassen. Schon früh erkennt sie aber, dass sie sich nicht
in der unwirklichen Welt des Theaters verkriechen dürfe.
Um den Bezug zur Realität nicht zu verlieren und auch aus dem
großen Drang heraus, die tabuisierten Probleme in der DDR
aufzudecken, startet sie im Januar 1983
eine geheime Frauenbefragung -dieses Projekt wird jedoch im August
1983 von der Stasi beendet.
1983 übernimmt Klier in Schwedt
die Inszenierung von Ulrich Plenzdorfs Legende vom Glück
ohne Ende .
Auf die Plenzdorf-Inszenierung folgt im Jahr 1984 eine Majakowski-Revue.
Beide Inszenierungen haben eines gemeinsam: Wieder müssen kritische
Stellen, die den Nerv der Bevölkerung treffen, gestrichen oder
umgestaltet werden. Vor dem Beginn der Arbeit an der Majakowski-Revue
erhält Freya Klier am 27. März
1984 jedoch den Sonderpreis für Regie.
Ab Herbst 1984 inszeniert sie die
Optimistische Tragödie von Wsewolod Wischnewski.
Doch auch hier muss unbedingt der Schluss verändert werden,
er wirke zu rebellisch. Die Hauptfigur sterbe zu pessimistisch und
unauffällig. Stattdessen solle sie mit Texten der russischen
Revolution auf den Lippen sterben.
So läuft es mit allen inszenierten Gegenwartsstücken,
einzig und allein Klassiker wie Der Widerspenstigen Zähmung
bleiben von erzwungenen Änderungen verschont.
Nachdem Freya Klier und ihr Mann, der Liedermacher Stephan Krawczyk,
dem Schweriner Schauspieldirektor die wirklichen Hintergründe
für die Kürzungen unverblümt mitteilen, wird die
Regisseurin mit einem Berufsverbot
belegt, Arbeitsangebote bleiben aus. Sie selbst vermutet ihre unzuverlässigen
Inszenierungen und die Zugehörigkeit zur Friedensbewegung
als die Gründe für das Verbot.
Dennoch denkt sie nicht an eine Ausreise, getreu dem Motto Jetzt
erst recht!
Im Juni 1985 plant sie mit ihrem Mann
eine Montage aus Szenen und Liedern zum Thema Mann und Frau mit
dem Titel Steinschlag. Schließlich ereilt Stephan
Krawczyk im August 1985 ebenfalls
ein Berufsverbot, er beleidige die Zuhörer in ihrem staatsbürgerlichen
Bewusstsein und besitze weder die moralische noch künslerische
Eignung für eine DDR-Bühne.
Das Ehepaar beschließt nun, für die Kultur zu kämpfen:
Nicht loslassen. Schon deshalb nicht, weil die Kultur in diesem
Land langsam zu einer Nebensache abzusacken droht. Mit ihrem
Stück Steinschlag sowie einer anderen kleinen Inszenierung
Pässe, Parolen treten beide fortan in Kirchen,
Gemeindehäusern und in Privatwohnungen auf. Steinschlag
wird jedoch offiziell nicht zugelassen, ...das Stück
strahlt DDR-Verdrossenheit aus und macht die staatliche Familienpolitik
mies. Die Auftritte gestalten sich als zunehmend schwieriger,
sie werden von der SED verboten, aufmüpfige Pfarrer,
die die Auftritte organisieren, werden mit Ordnungsgeldern bestraft.
Freya Klier widmet sich nebenbei weiterhin ihren Studien zur Geschichte
der SED, der Kultur und Bildung in der DDR, außerdem führt
sie intensive Gespräche mit Jugendlichen (zu einem Zeitpunkt
waren es sogar 120 Problemfälle, die den Kontakt
zu ihr suchten). So erhält sie ein Bild von der weit verbreiteten
Hoffnungs- und Ausweglosigkeit einer Generation, die nicht ernst
genommen und permanent in ihrer eigenen Entfaltung unterdrückt
wird.
Schließlich bekommt die Künstlerin sogar ein Angebot
aus Frankfurt am Main, eine Ausreise kommt für sie aber nicht
in Frage: Der Weggang wäre ein Eingeständnis von
Schwäche, wäre der leichtere Weg. Freya Klier ist
zu sehr in dieses Land verwickelt. Besonders wütend macht sie,
dass sich die meisten Künstler ruhig verhalten, sich verkriechen
oder auswandern, während die bockigen kaltgestellt werden.
Durch welche dieser Methoden auch immer, schließlich werden
sie vergessen und die SED hat ihr Ziel erreicht.
Immer wieder fordern Klier und Krawczyk die Aufhebung ihrer Berufsverbote
- erfolglos. Statt dessen nimmt der Druck der SED zu, letztendlich
werden auch sie für jeden Auftritt mit Ordnungsgeldern belegt,
selbst vor Manipulation am Fahrzeug schreckt die Stasi nicht zurück.
Dennoch denken die Künstler nicht daran, aufzugeben. Wir
haben gar keine Wahl. Wenn wir unsere Arbeit einstellen, lassen
wir diejenigen hängen, die uns brauchen. Wir haben
einen Einblick in die DDR-Wirklichkeit, den vermutlich nur die Stasi
mit uns teilt. Gerade dieser Einblick macht die beiden für
das Regime vermutlich auch so unbequem.
Im November 1987 verfassen Klier und
Krawczyk einen offenen Antwortbrief an den SED-Funktionär Kurt
Hager. Der Brief soll Denkanstöße vermitteln und Menschen
ermutigen, sich selbstbewusster in die Gesellschaft einzubringen.
Das Schreiben wird auf einem Kirchenkonzert am 9. November 1987
verlesen. Auf diese Aktion folgen weitere Strafen, wie z. B. Ordnungsgelder
für die Künstler.
Stephan Krawczyk wird bei einer Rosa Luxemburg-Demonstration verhaftet.
Seine Frau schreibt daraufhin einen Appell an bundesdeutsche Künstler
und Schriftsteller, sie sollen sich für ihre Kollegen in der
DDR einsetzen und solange nicht in der DDR auftreten, wie sich Stephan
Krawczyk in Haft befinde. Dieser Appell wird bundesweit veröffentlicht.
Am 25. Januar 1988 wird schließlich
auch Freya Klier zusammen mit anderen Freunden verhaftet.
Der Vorwurf gegen das Ehepaar lautet Landesverrat.
Nach einer durch Täuschung gewissermaßen erzwungenen
Ausreise geben die Künstler ihren Kampf nicht auf und versuchen,
so schnell wie möglich wieder in die DDR zurückzukehren,
immer in dem Bewusstsein, dass die Aufgabe dieses Kampfes und noch
dazu der ständige Aufenthalt in der BRD den Sieg des DDR-Regimes
bedeutet hätte, nämlich die Kaltstellung von engagierten
Bürgern und Künstlern, die gegen Unterdrückung, Intoleranz
und Unrecht kämpfen.
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